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Frage 19: Bedeutung für Wissenschaftsverlagswesen
Bedeutet ein Zweitveröffentlichungsrecht das Ende des mittelständischen Wissenschaftsverlagswesens in Deutschland?
Nein. Allerdings sollten die Verlage verstärkt Open-Access-konforme Geschäftsmodelle entwickeln, wie dies einige internationale Wissenschaftsverlage bereits tun (z. B. Springer, Wiley-Blackwell, Sage).
Es geht nicht um das Verschwinden des Verlagssystems, sondern um die Garantie, dass aus öffentlich-rechtlich und/oder gemeinnützig geförderten Wissenschaftsinstitutionen stammendes Wissen auch barrierefrei zugänglich gemacht wird. Dazu bedarf es der Kooperation mit den Verlagen, deren verlegerische Kompetenz unverzichtbar ist. [1]
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels behauptet, die Amortisation wissenschaftlicher Zeitschriften sei nicht mehr möglich, wenn Aufsätze nach einer sechsmonatigen Sperrfrist frei zugänglich würden, da viele Aufsätze noch nach Jahren über Dokumentlieferdienste bestellt würden. Die Behauptung stimmt so nicht. Denn Zeitschriften werden zum weitaus größten Teil über Subskriptionen und nur nachrangig über Erlöse aus der Dokumentlieferung refinanziert. Mit einer Sperrfrist von sechs Monaten kann genau diese Refinanzierungsmöglichkeit geschützt werden. Bibliotheken werden Zeitschriften künftig weder zeitverzögert bereitstellen können, da Nutzer erwarten, unmittelbar nach Erscheinen auf die Inhalte zugreifen zu können, noch werden Bibliotheken Zeitschriften abbestellen können, da über ein unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht allenfalls ein Teil der insgesamt publizierten Artikel – nämlich nur Artikel von Autoren/Autorinnen, die ihre Beiträge in Repositorien einpflegen wollen – im Open Access bereitgestellt wird.
Beklagt wird auch, dass Verlagsleistungen für Layout und verlagsseitig produzierte Mehrwerte nicht kompensiert würden, wenn die Bereitstellung über Repositorien formatgleich erfolge. Da Autoren/Autorinnen in aller Regel die vom Verlag bereitgestellten Formatvorlagen verwenden müssen, stellt sich die Frage, welche Leistung ein Verlag für das Layout tatsächlich erbringen muss. In jedem Fall gilt: Das bloße Layout ist urheberrechtlich nicht geschützt. Es gibt nur das eine Recht am geistigen Eigentum, so dass sich das Recht des Urhebers/der Urheberin auf die Verlagsversion beziehen darf.
Bestimmte Mehrwerte wie z.B. eine komfortable Navigation können nur über die Website des Verlags genutzt werden, nicht aber über das Repositorium, in dem eine Publikation im Open Access bereitgestellt wird. Dieser Umstand erklärt auch, dass das eigentliche Verlagsangebot vor allem dann, wenn es eine innovative Forschungsumgebung mit Mehrwert bietet, trotz frei verfügbarer Aufsätze weiterhin für eine Lizenzierung durch Bibliotheken attraktiv bleiben wird.
Schließlich wird teilweise angeführt, dass die gesetzliche Unterstützung des Grünen Wegs ruinöse Auswirkungen auch auf Verlage haben werde, die originäre Open-Access-Angebote (Goldener Weg) unterbreiten. Das ist schon deswegen falsch, weil der Goldene Weg stets die Möglichkeit einschließt, Artikel auch in Open-Access-Repositorien einzustellen. Zudem ergibt sich die Attraktivität verlagsseitiger Open-Access-Zeitschriften aus deren steigendem Impact. Mit einer Veröffentlichung in Open-Access-Zeitschriften sparen sich Autoren/Autorinnen den zusätzlichen Aufwand, der für die nachträgliche Bereitstellung ihres Beitrags in einem Repositorium immer anfällt. Deshalb kommt die Möglichkeit, direkt in einer Open-Access-Zeitschrift zu publizieren, dem Wunsch des/der Autors/Autorin, mit möglichst geringem Aufwand maximalen Impact und maximale Sichtbarkeit zu erreichen, besonders entgegen. Eine ernsthafte Konkurrenz für den Goldenen Weg ist somit von einer rechtlichen Absicherung des Grünen Weges nicht zu erwarten.
[1] Schiewer, Hans-Jochen (2011): Es wird Zeit, alle alles lesen zu lassen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.6.2011. S. N7.
QUELLE: Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen: "Frequently asked Questions zu Open Access und Zweitveröffentlichungsrecht (FAQ)" [pdf], lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland (CC-BY)
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GREEN IS THE ROAD TO BOTH OA AND GOLD OA
Harnad, S. (2007) The Green Road to Open Access: A Leveraged Transition. In: The Culture of Periodicals from the Perspective of the Electronic Age, pp. 99-105, L'Harmattan.
ABSTRACT: What the research community needs, urgently, is free online access (Open Access, OA) to its own peer-reviewed research output. Researchers can provide that in two ways: by publishing their articles in OA journals (Gold OA) or by continuing to publish in non-OA journals and self-archiving their final peer-reviewed drafts in their own OA Institutional Repositories (Green OA). OA self-archiving, once it is mandated by research institutions and funders, can reliably generate 100% Green OA. Gold OA requires journals to convert to OA publishing (which is not in the hands of the research community) and it also requires the funds to cover the Gold OA publication costs. With 100% Green OA, the research community's access and impact problems are already solved. If and when 100% Green OA should cause significant cancellation pressure (no one knows whether or when that will happen, because OA Green grows anarchically, article by article, not journal by journal) then the cancellation pressure will cause cost-cutting, downsizing and eventually a leveraged transition to OA (Gold) publishing on the part of journals. As subscription revenues shrink, institutional windfall savings from cancellations grow. If and when journal subscriptions become unsustainable, per-article publishing costs will be low enough, and institutional savings will be high enough to cover them, because publishing will have downsized to just peer-review service provision alone, offloading text-generation onto authors and access-provision and archiving onto the global network of OA Institutional Repositories. Green OA will have leveraged a transition to Gold OA.